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title: "Bargeld ist König, oder?"
date: 2016-07-15
language: de
topics: ["cash", "experiment", "iPhone", "lifestyle", "minimal", "money", "payments", "people", "smartphone", "wallet"]
source_url: https://willem.com/de/2016-07-15_bargeld-ist-konig-oder/
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# Bargeld ist König, oder?

*Das Experiment ohne Geldbeutel und Bargeld*

> Sehr oft sehe ich Männer mit einem Geldbeutel voller Plastik: mehrere Debit- und Kreditkarten plus ein Haufen Kundenkarten und Mitgliedsausweise. Manche packen dann sogar noch stinkende Geldscheine und klebrige Metallmünzen obendrauf! Da fragte ich mich: Kann ich eine Hosentasche freiräumen, wenn ich den Geldbeutel weglasse?

Wie sah mein Geldbeutel also aus? Darin steckt:

- meine private Debitkarte

- meine private Kreditkarte

- meine geschäftliche Debitkarte

- eine gemeinsame Debitkarte (mit meiner Freundin)

- Führerschein

- Krankenversicherungskarte

- Chipkarte für den öffentlichen Nahverkehr

- etwas Bargeld

- eine Karte, die zeigt, dass ich freiwillig Organspender bin

- ein Zettel mit Telefonnummern für den Notfall

Das hielt ich für sinnvolle Dinge in einem Geldbeutel, den ich praktisch immer dabeihabe. Dann beschloss ich aber, mir wirklich zu überlegen, wie oft ich das alles tatsächlich benutze. Der erste Schritt, den Geldbeutel loszuwerden, ist herauszufinden, was man wirklich damit macht.

## Die tatsächliche Nutzung herausfinden

Natürlich zahle ich mit meinem Geldbeutel, meistens mit meiner privaten Debitkarte. Nur manchmal nehme ich eine andere Karte. Fast überall, wo ich hingehe, kann man elektronisch mit Kredit- oder Debitkarte zahlen. Wenn nicht, ist meistens ein Geldautomat in der Nähe, an dem ich Bargeld holen kann, falls es wirklich nötig ist.

Meine Krankenversicherungskarte habe ich noch nie gebraucht (zum Glück), und ich weiß aus Erfahrung, dass niederländische Krankenhäuser und Ärzte ein Computersystem haben, in dem sie Versicherungsdaten und Spenderinfos mit Name und Geburtsdatum prüfen können. Die Versicherungskarte und der Organspendeausweis können also zu Hause bleiben.

Ich bin meistens mit dem Fahrrad, dem Moped oder dem Auto unterwegs. Nur ein- oder zweimal im Monat nehme ich öffentliche Verkehrsmittel. Dafür braucht man in den Niederlanden eine spezielle Chipkarte. Nicht alle Metrostationen und Bushaltestellen verkaufen sie. Ich brauche diese Karte also nur dann, wenn ich öffentliche Verkehrsmittel nutze, und nicht ständig!

In den Niederlanden ist man gesetzlich verpflichtet, einen gültigen Ausweis vorzeigen zu können. Wer das nicht kann, zahlt etwa 90 Euro Strafe. In der Praxis wurde ich bei Verkehrskontrollen nach meinem Ausweis gefragt, und auch beim Abholen eines Pakets bei der Post.

Nach reiflicher Überlegung schrumpften die Anforderungen an meinen Geldbeutel auf zwei: bezahlen und mich ausweisen können.

## Bezahlen optimieren: das Smartphone

In dieser modernen, vernetzten Welt ist es albern, dass ich vier (!) Bankkarten mit mir herumtrage. Ich will einfach nur bezahlen können und irgendwie dafür sorgen, dass das Geld vom richtigen Konto abgebucht wird. Welche Karte ich benutze, ist mir egal. Kann ich die Karten ganz weglassen?

Die Zukunft des Bezahlens ist natürlich mobil. Fast jeder hat ein Smartphone dabei, also ist es logisch, dass die beiden großen Smartphone-Mächte der Welt das mobile Bezahlen vorantreiben. Ich meine Apple Pay und Google Wallet. Leider steckt das mobile Bezahlen in den Niederlanden noch in den Kinderschuhen und ist bestenfalls sehr zersplittert. Zumindest vorerst brauche ich also mindestens eine Bankkarte, die überall akzeptiert wird.

Wenn ich nur eine Bankkarte mitnehme, welche soll es sein? Ich habe festgestellt, dass die meisten meiner Zahlungen privat sind und nicht geschäftlich: Lebensmittel, Kaffee oder ein Sandwich. Nur ein- oder zweimal im Monat nutze ich meine Firmenkarte. Mit Banking-Apps kann ich schnell Geld von einem Konto aufs andere überweisen, deshalb kann ich die selten genutzten Karten leicht zu Hause lassen. In den Niederlanden (und den Nachbarländern) werden Debitkarten (Maestro / PIN) am besten akzeptiert, gefolgt von Kreditkarten. Deshalb wähle ich meine private Debitkarte als „die eine“. Würde ich in den USA leben, wäre es vielleicht meine private Kreditkarte geworden.

## Alles zusammenpacken

Idealerweise will ich den Geldbeutel ganz loswerden, aber zwei Plastikkarten muss ich dabeihaben: eine Bankkarte und meinen Führerschein. Ich dachte daran, sie zusammenzukleben. Dann kam mir die Idee: Mein Smartphone ist groß genug, um ein oder zwei Karten zwischen Hülle und Telefon zu klemmen.

![Die iPhone-Hülle ist groß genug, um Karten zu verstecken.](https://willem.com/global/images/923e4b04103f.webp)

Anders als das Bezahlen per Smartphone ist kontaktloses Bezahlen (über einen NFC-Chip in der Bankkarte) in den Niederlanden inzwischen weit verbreitet. Man hält die Bankkarte einfach in die Nähe des Terminals, und die Zahlung läuft. Bei kleinen Beträgen (unter 50 Euro) verlangen die meisten niederländischen Banken keine PIN. Was die meisten nicht wissen: Kontaktlos funktioniert auch bei höheren Beträgen, und auch dann muss man die Karte nicht einstecken (man wird nur aufgefordert, am Terminal die PIN einzugeben).

![Zwei Plastikkarten übereinanderzulegen ist einfach.](https://willem.com/global/images/6c0587ea2a8c.webp)

Funkwellen dringen leicht durch eine iPhone-Hülle aus Gummi. Also steckte ich die NFC-Bankkarte und den Führerschein direkt hinter mein Telefon. Die flexible Gummihülle versteckte die Karten gut, und das Telefon wurde kaum dicker. Geniale Einfachheit ... dachte ich zumindest!

![Das iPhone mit Hülle ist nur geringfügig dicker.](https://willem.com/global/images/ce901db81b4a.webp)

## Praxistest

Ein Freund von mir hat eine Bar und erlaubte mir, sein Zahlungsterminal zu benutzen, um den Aufbau „Smartphone mit versteckter kontaktloser Bankkarte“ zu testen. Es klappte nicht! Das Terminal erkannte meine Bankkarte nicht, wenn sie zwischen Telefon und Hülle steckte. Wenn ich das Telefon herausnahm und nur die Gummihülle mit der Karte hinhielt, funktionierte es.

Obwohl ich Apple Pay auf meinem iPhone nicht nutze, scheint der NFC-Chip im Telefon das Signal der Bankkarte zu stören. Ich probierte den Flugmodus (der alle Funkchips ausschaltet) und schaltete das Telefon sogar ganz aus. Kontaktlos klappte es trotzdem nicht. Jedes Mal, wenn ich zahlen wollte, musste ich die Bankkarte umständlich aus der Hülle friemeln ... na toll!

![Wie jedes andere iPhone, aber in diesem stecken eine kontaktlose NFC-Bankkarte und ein Ausweis!](https://willem.com/global/images/983a907a2b8f.webp)

## Das Konzept verfeinern

Nach einigem Suchen fand ich eine andere Smartphone-Hülle mit zwei Kartenfächern auf der Rückseite. Das Ganze bleibt minimalistisch, aber ich komme viel leichter an eine oder zwei Karten. Das ist ideal für die Karte, mit der ich zahle. Meinen Ausweis brauche ich selten, deshalb steckt er zwischen Hülle und Telefon. Das funktioniert in der Praxis richtig gut.

Außerdem habe ich die App „Card Mate Pro“ installiert, in der ich bequem eine digitale Kopie meiner anderen Karten (auch Kundenkarten und Mitgliedsausweise) aufbewahre. Eine Karte zu digitalisieren ist so einfach wie ein Foto zu machen. Es ist eine simple App, die sehr gut funktioniert.

![Diese Hülle bietet schnellen Zugriff auf die Zahlungskarte, während der Ausweis innen versteckt bleibt.](https://willem.com/global/images/4c171a022bf0.webp)

## Erfahrungen nach Wochen

Ich bin jetzt schon eine Weile ohne Geldbeutel und Bargeld unterwegs und kann sagen: Es funktioniert, und ich mag es wirklich. Ich war in Deutschland und Belgien, und alles lief prima. Ein paar Mal stieß ich auf ein Geschäft, das keine Bankkarten annahm. Das war kein echtes Problem: Entweder holte ich Bargeld an einem Geldautomaten in der Nähe, oder ich kaufte in einem anderen Laden, was ich wollte. Eine der Ausnahmen war eine (kleine) Fähre über die Maas. Deshalb liegen jetzt ein paar Münzen in meinem Auto und in der Satteltasche meines Fahrrads.

An etwas anderes hatte ich vorher nicht gedacht: die Chipkarte für den öffentlichen Nahverkehr. Manchmal, bei sehr schlechtem Wetter, lasse ich das Fahrrad zu Hause oder auf der Arbeit stehen und nehme die Metro oder den Bus. Weil das Wetter so unberechenbar ist, wusste ich oft nicht, ob ich die Chipkarte mitnehmen muss. Manchmal wollte ich Metro fahren, und meine Karte lag dort, wo ich gerade war, aber nicht an meinem Ziel! Die Lösung: eine zweite Karte kaufen und dafür sorgen, dass sowohl auf der Arbeit als auch zu Hause eine Chipkarte „in Bereitschaft“ liegt.

Am Ende habe ich es also geschafft: Ich trage keinen eigenen Geldbeutel mehr mit mir herum. Ich mag die leere Tasche in meiner Hose und die Einfachheit, nur noch mein Telefon mitnehmen zu müssen.
